Atlas linguistique de la France (ALF) - Korrelationskarten

Linguistische Interpretation

       
Linguistische Interpretation der beiden Bildprofile
Jedes der 641 erzeugbaren Kartenpaare zeigt sehr deutlich, dass sowohl die dialektalen Ähnlichkeiten als auch die euklidischen Proximitäten mit Zunahme der Distanz zum PBP geringer werden. Während - wie zu erwarten - diese Abnahme auf der rechten Karte in völlig regelmäßiger ("natürlicher") Weise geschieht, gehorcht das Absinken der dialektalen Ähnlichkeiten auf der linken Karte offenbar anderen ("anthropogenen") Prinzipien. Trotz aller Verschiedenheiten in der Gestalt der beiden Raummuster entsteht dennoch der Eindruck, dass auf der linken Karte die raumgebundene Abnahme der dialektalen Ähnlichkeit einmal mehr und ein anderes Mal weniger von den euklidischen Imperativen des Raumes bestimmt wird. Es wäre also lohnend, dieser Frage stringenter nachzugehen. Man kann sich nun die Mühe (oder das Vergnügen?) machen, sich durch die 641 möglichen Bildprofil-Paare durchzuklicken. Dies wäre der rein visuelle Weg. Eleganter, zeitsparender sowie erkenntnisfördernder ist es jedoch, die den 641 Bildprofil-Paaren zugrunde liegenden (Häufigkeits)Verteilungs-Paare mittels eines geeigneten Korrelationsmaßes zu vergleichen und die dabei entstehenden 641 Korrelations-Werte erneut in den Raum zurück zu projizieren und nach den üblichen Normen zu visualisieren. Zur statistischen Korrelierung wurde der Produktmoment-Korrelations-Koeffizient von Bravais und Pearson (r(BP)) gewählt, der den linearen Zusammenhang zwischen zwei metrischen Variablen misst. Seine Mess-Werte liegen definitionsgemäß immer zwischen -1 (= inexistenter linearer Zusammenhang) und +1 (= perfekter linearer Zusammenhang). Für die rasche Durchführung solcher Korrelationen (unter Einschluss der nachfolgenden Visualisierung) wurde das Programm VDM im Jahr 2004 um ein entsprechendes Modul erweitert.
Linguistische Interpretation der Korrelationskarte
Empfohlene Einstellung zur Visualisierung: 8 Wertstufen
Die sehr klare und harmonische Gliederung des Bildprofils beruht auf der graduell fein abgestuften räumlichen Staffelung einerseits der acht eingesetzten Farbstufen und andererseits der diesen zugrunde liegenden r(BP)-Werte, die zwischen -0,15 und +0,93 pendeln. Man muss für eine gedeihliche linguistische Interpretation des Bildprofils den Farben (und damit auch den diesen zugrunde liegenden Messwerten) wieder eine spezielle linguistische Bedeutung zumessen.
Rot: Zonen, in denen die räumliche Auffaltung der dialektalen Ähnlichkeiten (= die dialektale Bewirtschaftung des Naturraumes) weitgehend nach den (euklidischen) Imperativen des Naturraums - und damit in "ursprünglicher, ungestörter, natürlicher Weise" - erfolgt.
Blau: Zonen, in denen - aus verschiedenen, jedoch sicher meist anthropogenen Gründen (im Bereich von Politik, Geschichte, Soziologie etc.) - die räumliche Auffaltung der dialektalen Ähnlichkeiten (= die dialektale Bewirtschaftung des Naturraumes) in mehr oder großem Gegensatz zu den (euklidischen) Imperativen des Naturraums - und damit in einer "devianten, anormalen oder gestörten Weise" - erfolgt.
Die Gestalt des Gesamtprofils suggeriert die Konfrontation zweier Kräfte, wobei sich die nördliche Kraft von Nord nach Süd und die südliche Kraft von Süd nach Nord entfaltet. In der Bildmitte kommt es zum Zusammenstoß dieser beiden Kräfte, wobei sich eine räumlich sehr klar ausgeprägte Konflikt-Zone ergibt. Die Lage der roten und orangefarbenen Polygone suggeriert zudem, dass die Nordkraft stärker ist (oder gewesen zu sein scheint). Die blauen Zonen entsprechen zudem hinsichtlich ihrer Lage weitestgehend den bekannten Grenz- und Übergangsgebieten zwischen den domaines d'Oil und d'Oc. Diese Grenz- und Übergangsgebiete erscheinen in der Perspektive dieser Karte nunmehr als Zonen, in denen sich weder die Langue d'Oil noch die Langue d'Oc nach "natürlichen" Prinzipien entfalten konnte. Es entstand ein großflächiger Kompromiß-Raum. In diesem Zusammenhang ist das vereinzelte dunkelblaue Polygon von besonderem Interesse, das sich - auf der Karte deutlich sichtbar - ungefähr an der Stelle von Bordeaux befindet. Es gehört zur nordfranzösischen Sprachinsel "La Petite Gavacherie", die am Ende des 15. Jahrhunderts von Siedlern aus der Saintonge in der nördlichen Gascogne gegründet worden war. Dieses dunkelblaue Polygon trägt überdies den kleinsten r(BP)-Wert (= -0,15) der ganzen Karte. Nun gehört es zum Wesen einer Sprachinsel, die ja auf der Tatsache der Migration beruht, dass ihre Entstehung mit einer totalen Zerreißung allfällig vorhanden gewesener "natürlicher" Beziehungen zwischen den Dimensionen des (euklidischen Naturraums) und jener der "normalen" Entfaltung geolinguistischer Ähnlichkeiten einhergeht.
Ebenso sind Korrelationskarten zwischen verschiedenen linguistischen Ebenen sehr interessant, die deutlich zeigen, dass es einerseits Dialekte gibt, bei denen sich die beobachteten linguistischen Kategorien konvergent bzw. "natürlich" im Raum entfalten, aber andererseits auch solche Dialekte existieren, die diesbezüglich von großen inneren Divergenzen gekennzeichnet sind. Erneut ergeben sich bei solchen Vergleichen sehr harmonisch gegliederte Raumprofile.
 
  Text: Hans Goebl  
© Slawomir Sobota  

 [Universität Salzburg, Fachbereich Romanistik, Erzabt-Klotz-Str. 1, A-5020 Salzburg, E-Mail: webmaster(at)dialectometry(dot)com